Archiv für das Tag 'wien'

als mein großvater unerwartet verstarb, hinterließ er einen berg schulden. großmutter konnte die schulden nicht zahlen. also musste das haus in dem wir alle wohnten versteigert werden. bekannte hatten eine idee: großmutter verkauft ihnen das haus zum (niedrigen) ausrufungspreis, kann damit die schulden zahlen, und wir können weiter dort wohnen, gegen eine minimale miete. ein plan der zur hälfte aufging: großmutter verkaufte ihnen das haus zum ausrufungspreis. die andere hälfte ging nicht auf. am nächsten tag hieß es von den befreundeten käufern: das haus brauchen wir doch selbst, ihr müßt raus! also standen meine großmutter, mein lungenkranker onkel emil, meine mutter, mein bruder und ich auf der straße.

meine großmutter tat, was alle landbewohner in solchen situationen tun. sie fuhr nach wien, um eine wohnung und eine arbeit zu suchen. damals waren die mieten niedrig, aber ohne illegale ablöse gab es keinen mietvertrag. die suche war erfolglos. meine katholische großmutter ging, als ihr geld und ihre zeit fast verbraucht waren, in die rudolfsheimer kirche, um zu ihren gott zu beten und zu beichten. der pfarrer wußte rat. bei einer gläubigen hausbesitzerin war ein hausbesorgerposten frei. das war beides: arbeit (wenn auch minimal bezahlt) und wohnen (28 quadratmeter, für fünf personen eher knapp). da musste die hand gottes im spiel gewesen sein. großmutters glaube wurde zur gewissheit, religion nahm einen dominanter werdenden platz ein.

wir zogen nach wien, und wohnten elf jahre in dieser wohnung. wir waren privilegiert: wir hatten ein eigenes klo. dazu gab es noch eine küche und ein kleines zimmer, beides nicht hell aber dafür feucht. in der küche stand auch die nähmaschine meiner mutter. mutter hatte einen job als büglerin in einer kleinen schneiderei gefunden. anfangs 48 wochenstunden, dann 45, am ende nur mehr 40 stunden. wenn sie nach hause kam, setzte sie sich zur nähmaschine und nähte noch einige stunden für private kunden. schließlich war sie schneiderin und wir brauchten das geld, büglerinnen wurden erbärmlich bezahlt. das platzproblem lösten wir durch bettbänke und einem klappbett, später leisteten wir uns ein stockbett.

bei geschiedenen kindern hatte das jugendamt (die “fürsorge”) die vormundschaft. ein- bis zweimal im jahr kam die fürsorgerin zur kontrolle. ich fürchtete immer, dass sie mich in ein heim stecken würde. aber meist kommentierte sie, nachdem sie mit den finger über die kastenkanten gefahren war um auf staub zu prüfen: “ein bisserl eng alles, aber sehr reinlich”. ob ich von meinem heilstättenaufenthalt traumatisiert war, interessierte sie nicht, hauptsache reinlich.