Archiv für das Tag 'kindheit'

alles was ich über die zeit vor meinem heilstättenaufenthalt weiß, ist mir nur aus erzählungen bekannt. bis auf diese einzige ausnahme:

sommer in laa an der thaya. ich bin ein kleiner hosenscheißer. stehe vor der haustür. eine nachbarin sieht mich und winkt mich heran. sie schenkt mir eine grüne ein-schilling besdorp schockolade. es ist offensichtlich ein ebenso seltenes wie freudiges ereignis. ich setze mich glücklich auf die stufe vor unserer tür. fest halte ich die kostbare schokolade in der hand. zu fest. zu lange. ich merke es erst, als die geschmolzene schokolade meine finger hinunter rinnt …

es ist vermutlich kein zufall, dass ich mich nur an diese eine episode erinnern kann. es ist ein muster, das ich in meinem leben noch öfters wiederholt habe: mich an die glücklichen ereignisse und begegnungen so zu klammern, dass sie mir wie die bensdorp-schokolade zwischen den fingern zerrinnen …

als mein großvater unerwartet verstarb, hinterließ er einen berg schulden. großmutter konnte die schulden nicht zahlen. also musste das haus in dem wir alle wohnten versteigert werden. bekannte hatten eine idee: großmutter verkauft ihnen das haus zum (niedrigen) ausrufungspreis, kann damit die schulden zahlen, und wir können weiter dort wohnen, gegen eine minimale miete. ein plan der zur hälfte aufging: großmutter verkaufte ihnen das haus zum ausrufungspreis. die andere hälfte ging nicht auf. am nächsten tag hieß es von den befreundeten käufern: das haus brauchen wir doch selbst, ihr müßt raus! also standen meine großmutter, mein lungenkranker onkel emil, meine mutter, mein bruder und ich auf der straße.

meine großmutter tat, was alle landbewohner in solchen situationen tun. sie fuhr nach wien, um eine wohnung und eine arbeit zu suchen. damals waren die mieten niedrig, aber ohne illegale ablöse gab es keinen mietvertrag. die suche war erfolglos. meine katholische großmutter ging, als ihr geld und ihre zeit fast verbraucht waren, in die rudolfsheimer kirche, um zu ihren gott zu beten und zu beichten. der pfarrer wußte rat. bei einer gläubigen hausbesitzerin war ein hausbesorgerposten frei. das war beides: arbeit (wenn auch minimal bezahlt) und wohnen (28 quadratmeter, für fünf personen eher knapp). da musste die hand gottes im spiel gewesen sein. großmutters glaube wurde zur gewissheit, religion nahm einen dominanter werdenden platz ein.

wir zogen nach wien, und wohnten elf jahre in dieser wohnung. wir waren privilegiert: wir hatten ein eigenes klo. dazu gab es noch eine küche und ein kleines zimmer, beides nicht hell aber dafür feucht. in der küche stand auch die nähmaschine meiner mutter. mutter hatte einen job als büglerin in einer kleinen schneiderei gefunden. anfangs 48 wochenstunden, dann 45, am ende nur mehr 40 stunden. wenn sie nach hause kam, setzte sie sich zur nähmaschine und nähte noch einige stunden für private kunden. schließlich war sie schneiderin und wir brauchten das geld, büglerinnen wurden erbärmlich bezahlt. das platzproblem lösten wir durch bettbänke und einem klappbett, später leisteten wir uns ein stockbett.

bei geschiedenen kindern hatte das jugendamt (die “fürsorge”) die vormundschaft. ein- bis zweimal im jahr kam die fürsorgerin zur kontrolle. ich fürchtete immer, dass sie mich in ein heim stecken würde. aber meist kommentierte sie, nachdem sie mit den finger über die kastenkanten gefahren war um auf staub zu prüfen: “ein bisserl eng alles, aber sehr reinlich”. ob ich von meinem heilstättenaufenthalt traumatisiert war, interessierte sie nicht, hauptsache reinlich.

großvater hatte einen traum. der ging tatsächlich in erfüllung. blöderweise war es ein alptraum:

von meinem ersten bis zu meinem 4 lebensjahr wohnte ich in laa an der thaya. das liegt an der tschechischen grenze, die damals noch eiserner vorhang hieß. geschichten, nach denen bauern samt traktor von den tschechen über die grenze entführt wurden, waren allgegenwärtig.

laa hatte ein prächtiges rathaus inmitten eines herausgeputzten hauptplatzes. die rückseiten der hauptplatzhäuser hingegen waren überhaupt nicht herausgeputzt. dort befanden sich große tore, durch die man mit dem traktor direkt auf staubigen feldwegen zu den rüben- und erdäpfelfeldern fahren konnte. überall stank es: nach kanal und zuckerrüben. eine sterbende grenzstadt in einer öden gegend. ich möchte dort nicht begraben sein, dachte ich später immer, wenn ich teile meiner sommerferien dort verbringen musste. heute ist die grenze offen und laa nennt sich therme. ich möchte dort trotzdem nicht begraben werden.

meine mutter war mit ihren zwei kindern nach der scheidung von meinem vater wieder nach laa zu ihren eltern gezogen. mein großvater war elektriker und der familienerhalter. er war ein begeisterter zeichner und ein pragmatischer sozialist. großmutter kam aus einer bauernfamilie und war katholisch konservativ. nachdem großvater jahrelang im laaer e-werk gearbeitet hatte, fasste er anfangs der fünfziger jahre mut, machte schulden und sich damit selbständig.

das geschäft lief gut, großvater war beliebt und bekam zahlreiche aufträge. er fuhr zu diesen arbeiten immer mit dem rad. öfter wurde es spät abends bis er mit der arbeit fertig war. an einem dieser abende herrschte ein sauwetter und der weg von dem dorf, wo großvater arbeitete, nach hause war recht weit. ein bekannter hielt mit seinem auto an, und bot großvater an, ihn nach hause zu bringen. angesichts des schlechten wetters ließ großvater sein rad stehen und stieg ein. er saß zum ersten mal in seinem leben in einem auto.

der bekannte hatte einiges getrunken – das sah man damals noch lockerer als heute – und fuhr gegen den nächstbesten alleeebaum. großvater war tod. der lenker nicht, der war sogar so gesund, dass er nach hause laufen konnte und sich so lange einsperrte, bis er wieder nüchtern war. am land drehte man wegen solchen sachen keinem einen strick.

und genau das hatte mein großvater oft gesagt: “wenn ich einmal in ein auto steige, werde ich dabei sterben. das hat mir geträumt.” und obwohl er rationalist war, hatte er es doch bis zu jenem abend vermieden, sich in ein auto zu setzen.

ich kam im alter von etwa viereinhalb jahren zur welt. also selbst für mich relativ spät. ich wachte auf, es war nacht und ich lag in einem großen weißgestrichenen metallgitterbett. es waren noch andere gitterbetten mit schlafenden kindern in diesem raum. ich wußte nicht wo ich war, wer ich war, wie ich hierher gekommen bin. ein angenehm kühler luftzug kam von einer terrassentür, die einen spalt weit geöffnet war. ich konnte diese tür von meinem gitterbett aus erreichen. ich öffnete sie weit, in der gewissheit, hier etwas verändert zu haben, wozu ich nicht berechtigt war. meine erste handlung, an die ich mich erinnere: illegal.

an alles was vor dieser zeit war, hatte ich keine erinnerung, und die erinnerung ist bis heute, mit ausnahme einiger winziger splitter nicht wieder gekommen. von diesem tag an aber versuchte ich mich an alles zu erinnern. rekapitulierte jeden tag, jede stunde immer wieder – jahrelang.

am nächsten morgen wurde mir bewußt, dass ich in einem gebäude mit vielen anderen kindern eingesperrt war. es gab erwachsene, frauen und männer, die uns sagten, was wir zu tun hätten. ich kannte niemand, weder kinder noch erwachsene. ich erfuhr, dass wir krank waren, dass ich krank war. “krank” – das sagte mir nicht viel. wir waren hier, damit wir gesund werden sollten – natürlich nur, wenn wir brav wären. mir tat nichts weh. die kinder redeten von ihren eltern, ihren geschwistern. was war das: “eltern”, “geschwister”? ich hatte keine ahnung, war ein fremdes kind in einer fremden welt. manchmal steigt dieses gefühl noch heute in mir auf.

es war die lungenheilstätte baumgartner höhe, in die ich im alter von viereinhalb jahren mit verdacht auf tbc eingeliefert wurde. dieser verdacht konnte nie endgültig geklärt werden, es hat aber gereicht, mich ein dreiviertel jahr hinter gitter zu bringen (die fenster der anstalt waren passenderweise vergittert), und mich noch zehn jahre lang zweimal jährlich minutenlang hinter einen röntgenschirm zu stecken.

die behandlung durch die schwestern habe ich als prinzipiell schroff bis feindselig in erinnerung. die wenigen freundlichen worte waren wie seltene sonnenstrahlen, die durch eine dunkle wolkendecke drangen. die behandlung der ärzte hingegen war folter. autoritär und unsensibel zogen sie ihre schmerzhaften untersuchungen und behandlungen durch, stopften schläuche in meinen mund, gaben grob spritzen, brüllten mich an, wenn ich mich wehrte. am schlimmsten war der zahnarzt. gleissendes licht, bohren, schmerzen, unfreundliche worte, plomben, die man nach ein paar tagen wieder ausspuckte. kinder, die läuse hatten, wurden kahl geschoren. die anderen mit metallenen kämmen so brutal frisiert, dass die kopfhaut blutete. wenn kinder ob dieser behandlung zu schreien und weinen anfingen und sich nicht mehr beruhigen konnten, wurde ihnen der mund mit leukoplast zugepickt. das essen war sowohl grauenhaft, als auch monoton. paradeissauce mit zerstampften erdäpfeln waren die häufigen highlights.

ich habe noch heute mehr angst vor der behandlung als vor einer krankheit. paradeissauce verursacht mir brechreiz.

am wochenende kam meine mutter mich besuchen. das war schön. manchmal war auch meine großmutter mit, oder mein bruder. wenn sie gingen nahmen sie mich nicht mit. ich lief ihnen bis zu dem gitterzaun nach und brüllte und weinte, abe ich musste hierbleiben. wenn sie weg waren, vergaß ich schnell wieder wie sie aussahen. anfangs sogar, dass es sie überhaupt gab.

ich kann mir gesichter nicht merken. wenn ich menschen nicht in ihrer gewohnten umgebung treffe, bin ich mir nicht sicher, ob sie es sind, oder nur menschen, die so ähnlich aussehen. wenn ich sicherheitshalber grüße, sind es meist fremde.

für jüngere menschen: das hier beschriebene passierte nicht ende des 19. jahrhunderts sondern 1957/58, im aufblühenden nachkriegsösterreich. ich denke, heute werden kinder in medizinischen einrichtungen besser behandelt, bei der altenbetreuung bin ich allerdings eher skeptisch.