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WEIHRAUCH : Augustin 199, April 2007

WEIHRAUCH 1, 2, 3, 4


augustinKarl Berger verschenkt auf www.zeichenware.at
nicht die schlechtesten Cartoons

HARTE ZEITEN FÜR GROSSE GEFÜHLE

Von Robert Sommer


"Automatisches Zeichnen" ist vermutlich ein nicht ganz treffender Begriff für die sonderbare Art, mit der Augustin-Obmann und Augustin-Grafiker Karl Berger im Laufe unserer Teamsitzung ein zu Beginn leeres Blatt füllt. Wenn die Sitzung zu Ende ist, ist das Blatt voll von zeichnerischen Skizzen und textlichen Anmerkungen wie zum Beispiel dem Termin einer Gerichtsverhandlung, zu der der Vereinsobmann erscheinen muss. Ich werfe immer verstohlene Blicke auf dieses surrealistische Sitzungsprotokoll, das ich - A) als Ausdruck unbewusster Kreativität, B) als nicht für die Öffentlichkeit Bestimmtes und daher mich besonders reizendes Stück Subkultur, C) als Beispiel für Skizzenhaftes und Unfertiges, das mich generell mehr interessiert als das Vollendete – gern am Ende der Besprechung geschenkt bekäme. Doch wenn ich es erhielte, versäumte der Obmann den Verhandlungstermin. Ich gebe meine Jagd auf ein Berger´sches Vorstandssitzungsprotokoll nicht auf ...

Karl Berger ist ein zum Zeichnen berufener Mensch – und die ZeitgenossInnen, die seine (vergriffenen) Cartoonbücher „Wir Supermänner“, „Harte Zeiten“, „Große Gefühle“ und „alle fliegen“ oder seine Comics im Kurier und in der ehemaligen täglichen Volksstimme kennen, wundern sich, warum er sich als Cartoonist ausgerechnet in „seiner“ Zeitung, im Augustin, derart zurücknimmt. Das könne der Leser, die Leserin verschmerzen, meint Karl Berger und verweist auf das Dream-Team von ZeichnerInnen, die dem Augustin fix zur Verfügung stehen: Blitzstein, Thomas Kriebaum, Carla Müller, OttaGringo, Sawanni, Richard Schuberth, Magdalena Steiner. Nur „zur Not“ springt Berger mit einer Illustration ein: Wenn knapp vor der Druckereiabgabe ein Foto zu einem Text fehlt.


Augustin-LeserInnen, die Berger-Cartoons vermissen, können sich nun auf seinem Web-Portal www.zeichenware.at schadlos halten. Dass der künstlerische Inhalt der Homepage, die downloadbare Zeichenware, keine Ware ist, macht mir Bergers Netzauftritt auf den ersten Blick sympathisch. „Alle Cartoons aus dieser Bildershow können Sie gratis herunterladen.“ Wer wie Karl Berger zum Restbestand der früher noch nicht ganz so minoritären Minorität der realitätsentrückten Verabscheuer des Warencharakters aller Dinge des Universums zählt, wird diese Copyleft-Geste schätzen.
Mehr als die Cartoons, ich gestehe es, vermisse ich Karl Bergers Texte im Augustin. Berger schreibt so, wie er zeichnet – nur weiß das leider kaum wer. Klicken Sie auf der Startseite seiner Homepage auf BIOGRAFIE. Den fast standardmäßigen Vorrat von Ironie und trockenem Humor, die Vorstandsitzungen aus mancher Verkrampfung reißen, setzt Karl Berger auch in seinen Texten ein: „Ich wurde ziemlich jung 1953 in der Steiermark geboren. Während eines Heilstättenaufenthalts als 5-Jähriger wurde ich ruhig gestellt, indem man mich zum Zeichnen animierte. Das war bedeutend angenehmer als die zweite Ruhigstellungsmethode: den Kindern den Mund mit Leukoplast zupicken. Möglicherweise ist mir deshalb eine starke Neigung zur Zeichnerei geblieben. Nach einer Ausbildung zum Gebrauchsgrafiker begann ich Comics und Cartoons zu zeichnen. Ich lebe zurzeit von der Arbeit als Zeitschriftengestalter und Zeichner im westlichen Wienerwald mit Lebensgefährtin, Sohn, Tochter und der für Zeichner obligatorischen Katze.“


Ein Zufall war´s, der mir die größte Kanonade Berger´scher Ironie wieder ins Bewusstsein brachte. Eine vergilbte Zeitung fiel mir in die Hände. Auf der Coverseite und auf der „allerletzten letzten Seite“ der Volksstimme (Tageszeitung der KPÖ, die im März 1991 eingestellt wurde) konnte Karl Berger den Abgang des traditionsreichen, am Ende einflusslos gewordenen Mediums in seinem Stil kommentieren (siehe unten). Die Ironie dieser historischen Cartoons war subversiv und selbstkritisch zugleich. Subversiv, weil sie DogmatikerInnen in der Partei ärgerte. Selbstkritisch, weil Berger lange Zeit übersehen hatte, dass dieser Dogmatismus seine (ehemalige) ideologische Heimat deformierte. Darin stand ich ihm um nichts nach, weswegen für mich, damals Journalist der Volkstimme, die „Begräbnis“-Cartoons meines Kollegen Karl Berger ein Befreiungserlebnis waren, wie ein Schub Frischluft in einer monatelang ungelüfteten Wohnung.

Wird ihm was einfallen, wenn die Tage des Augustin gezählt sind? Eine doppelt unzulässige Frage. Erstens ist für die Rudolf Engels dieser Stadt (Cover-Held dieser Ausgabe) diese Zeitung existenzieller als jedes Zentralorgan jeder Partei. Zweitens fällt Karl Berger immer was ein. So viel Huldigung muss sein in harten Zeiten für große Gefühle.

volksstimme ende

Logo: Bleu-tsin - production ihr kommentar zu den zeichnungen, einzelnen comic-strips oder die ganze seite ist sehr willkommen unter karl.berger@zeichenware.at    
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