Texter,
Denker, Filmfreak
Erich Nussbaumer, gebürtiger
Wiener des Jahrgangs 1951, ist vor allem – und wie
ich vermute, zu seinem Leidwesen – als Comictexter
und -fachmann bekannt.
Ein Nachbar setzte Nussbaumers
Wohnung unter Wasser. Diese unkonventionelle Art der Kontaktaufnahme
erwies sich insoferne als Glücksgriff, da es sich bei
dem Nachbarn um das aufstrebende Zeichner-Talent Ronald
Putzker handelte. Man beschloss, gemeinsam die Wiener
Comic-Welt aus den Angeln zu heben.
Putzker layoutete damals das Wiener Comic-Fachmagazin COMIC
FORUM, und Nussbaumer avancierte kurzzeitig zu dessen Chefredakteur.
Unter seiner Leitung erschien das Magazin zwar nicht oft,
aber pünktlich, und brachte immerhin so unvergessliche
Sternstunden wie "Der Friseur im Comics" hervor.
1986 erschien INSPEKTOR BURNADZ, das erste gemeinsame Comicprojekt
von Nussbaumer und Putzker. In strengem schwarz-weiß
gehalten, durchaus noch traditionell erzählt, war damals
schon klar, dass hier etwas heranreift, dass die österreichische
Comicscene noch nicht gesehen hatte.
Die deutschen Verleger Sackmann und Hörndl (comicplus+)
wurden auf die neuen Talente aufmerksam, und so erschien
in diesem Verlag 1987 der erste Band ihrer Trilogie AGLAYA:
DER GEHÄNGTE. Putzker hatte inzwischen seinen Zeichenstil
in einer hierzulande noch nicht gesehenen Weise perfektioniert,
und Nussbaumer setzte die herkömmliche Comic-Erzählweise
außer Kraft. Assoziativ und alptraumartig entstand
eine fesselnde Geschichte, die sich immer wieder entzieht.
Mystisch-real bezeichneten die Verleger diese Erzählweise
im Klappentext. 1988 folgten Band zwei und drei: DER MAGIER
und DIE HOHENPRIESTERIN.
AGLAYA wurde ein internationaler Erfolg, Übersetzungen
erschienen unter anderem in den Comic-Hochburgen Frankreich,
Niederlande und Dänemark.
Zur 500-Jahr-Feier der Entdeckung Amerikas gab DIE GANZE WOCHE eine Comic-Serie über Christoph Kolumbus in Auftrag.
Text: Erich L. Nussbaumer, Zeichnungen: Ronald Putzker.
Kurt Falk, der Alleinherrscher über DIE GANZE WOCHE
brachte es fertig, mit einer für ihm typischen einsamen
Entscheidung die Serie wenige Woche vor ihrem geplanten
Ende einzustellen. Im sehr erfolgreichen Album-Nachdruck
EINSAM STIRBT KOLUMBUS (comicplus+) konnnte man die Geschichte dann endlich
fertig lesen.
Wer den Ridley-Scott-Film 1492 - DIE EROBERUNG DES PARADIESES
gesehen hat, und Nussbaumers Kolumbus-Geschichte kennt,
kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Scott und Nussbaumer
von der selben Muse geküsst wurden. Abkupfern war ja
bei gleichzeitiger Produktionszeit nicht möglich.
Neben den Putzker-Comics entstanden auch noch kleinere
Arbeiten mit Heinz WOLF (BLOODHOUND - DER GERADE WEG) und
Peter FRIEDRICH (McMARVEL - Mein Colt für den Herrn).
Einige andere Projekte zerschlugen sich leider.
Ich hatte die Ehre, mit Erich Nussbaumer nicht nur ein
grandios scheiterndes Projekt einer Agentur für Ideenfindung
(KANU) zu betreiben, sondern auch ein Kinderbuch nach seinem
Text zu zeichnen (Das Nilpferd Liesi) zu dem sein damals
fünfjähriger Sohn Cornelius die Idee lieferte.
Das Buch wurde zwar 1995 gedruckt, hat aber – aus Gründen
auf die ich hier nicht eingehen will – nicht wirklich den
Weg in die Buchhandlungen gefunden.
Besondere Freude hat mir auch die Zusammenarbeit an dem
Comic LAPAAZULI gemacht, der 11 Jahre lang in der Kinderbeilage
der österreichischen Tageszeitung KURIER erschienen
ist. Ein Stück für Stück daherimprovisierter
Kindercomic, dem man die Tagesform von Zeichner und Texter
durchaus ansieht, der nichts desto trotz einer der langlebigsten
Comics der österreichischen Zeitungsgeschichte wurde.
Zumindest die in digitaler Form vorliegenden Folgen werden
hier in absehbarer Zeit veröffentlicht.
Zur Ergänzung möchte ich aus Nussbaumers 1987
verfassten Kurzbiographie zitieren:
"… Unauffälliges Verhalten während
der Schulzeit, später, noch immer unauffällig,
Ausbildung zum Schriftsetzer. 1978 konvertierte der Unbelehrbare
in den Status des freien Künstlers. Nussbaumer verfaßte
in den darauffolgenden Jahren zwei Gedichtbände, schrieb
einen eigenartig sterilen Roman ("Eine Reise nach Hollywood")
sowie Drehbücher für Film und Werbung und erhielt
einige merkwürdige Aufträge und Förderpreise
…"
Tja, und seit dem 8. 3. 09 bloggt er auch auf http://www.free-blog.in/erichnussbaumer/
Karl Berger, 3. 1. 2008
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